Blickpunkt Unternehmen : Revolution made by Apple
von Thomas Badtke

Sagt Ihnen Napster noch irgendetwas, die einstmals bekannteste Online-Tauschbörse für Musik? Nein? Macht nichts. Sicherlich kennen Sie aber Steve Jobs, den Apple-Gründer und Computer-Revolutionär? Dieser Name geistert wieder einmal weltweit durch die Gazetten. Aber erst einmal kurz zu Napster. Napster war einstmals der Hauptfeind der etablierten Musikindustrie. "Piraterie" war noch eine harmlosere Bezeichnung für das Geschäft, welches Napster betrieben hat. Während des allgemeinen Internetbooms Ende der neunziger Jahre des vergangenen Jahrtausends kümmerte sich die oligopolistisch angelegte Musik- und Plattenindustrie noch kaum um die kleinen Musiktauschbörsen im Internet. Erst als die Verkaufszahlen drastischer einbrachen und die Gewinne wegschmolzen, erkannten die großen Musikunternehmen BMG, EMI, Warner, Sony und Universal eine Gefahr, ausgehend von den Musiktauschbörsen. Napster war deren Speerspitze. Die Klagen der "fünf Schwestern" gegen die deutlich kleinere Firma Napster häuften sich und führten letzten Endes dazu, dass BMG Napster mehr oder weniger übernommen hat. Doch die Probleme mit dem Downloaden von Musikfiles vornehmlich im MP3-Format des Fraunhofer Institutes ging weiter. Hinzu kamen noch hausgemachte Probleme, wie beispielsweise Fusionen (AOL Time Warner) oder Umstrukturierungen (Bertelsmann und Vivendi Universal), die die Gewinne der fünf weitgehend auffraßen. Trotz der enormen Marktanteile gelang es Universal (24 Prozent), Sony (16 Prozent), Warner (12 Prozent), BMG (10,5 Prozent) und EMI (10 Prozent; jeweils Geschäftsjahr 2002) nicht, den Musiktausch via Internet, auch juristisch, zu unterbieten.

Jetzt scheint sich allmählich eine Lösung abzuzeichnen. Während Napster nur noch ein Schatten seiner selbst ist und Kazaa mittlerweile die Nummer Eins der Musik-Tauschbörsen darstellt, greift nun auch das für seine Innovationen bekannte Computerunternehmen Apple an. Und hier kommen wir zu Steve Jobs. Mit seiner Musik-Plattform i-tunes will er ein neues Geschäftsfeld etablieren. Und es scheint zu funktionieren. Während die großen Fünf der Musikindustrie mit ihren Plattformen floppten, scheint die Apple-Plattform von den Internetnutzern angenommen zu werden. Hilfreich dabei könnte wohl das Image des Computerherstellers mit dem angebissenen Apfel sein. Schon immer musste es sich gegen die großen, teilweise Monopol-Unternehmen am Markt durchsetzen. Erst war IBM die große Konkurrenz, dann Microsoft. Ohne Apple gäbe es heutzutage keine kleinen, handlichen Desktops und auch das Betriebssystem Windows von Microsoft würde nicht über einen Marktanteil von 97 Prozent, sondern wohl eher 100 Prozent verfügen. Das klingt zwar banal, aber es zeigt deutlich, dass noch Hoffnung für alle Windows-geplagten Computerbesitzer besteht. Kurz um, Apple nahm immer die Position Davids im Kampf gegen die diversen Goliaths dieser globalen Ökonomie ein.

Innerhalb nur einer Woche verkaufte Apple mehr als eine Million Songs á 99 Cent über i-tunes. Keiner hatte mit diesem Erfolg gerechnet. Schon gar nicht die Plattenindustrie selbst. 200.000 Songs bietet Apple-Boss Steve Jobs über seine Plattform an. Die Quantität soll stetig ausgeweitet werden. Der Vorteil von i-tunes liegt auf der Hand. Zum einen bietet er Songs aller großen Labels an und zum anderen verzichtet man bei i-tunes auf eine monatliche Grundgebühr. Ein dritter überzeugender Punkt ist die Tatsache, dass man die downgeloadeten Files ohne Probleme oder zusätzliche Kosten nicht nur auf eine CD brennen, sondern auch auf tragbare Geräte überspielen kann. Bei MusicNet von AOL Time Warner und Rhapsody von listen.com funktioniert dies nicht. Bei dem gemeinsamen Angebot von Universal und Sony mit Namen Pressplay besteht diese Möglichkeit zwar, allerdings stehen hier Abo-Gebühren von 5,95 US-Dollar bis 17,95 US-Dollar pro Monat und Download-Kosten von 5,95 US-Dollar für fünf Musikstücke und 9,95 US-Dollar für zehn Musikstücke dem Userglück im Weg. Bei i-tunes hat der Nutzer die Möglichkeit ein gesamtes Album für 9,95 US-Dollar herunter zu laden und zu brennen. Bei normalen Preisen von mehr als 15 Euro pro normal gekaufter Musik-CD stellt dies bereits eine erhebliche Ersparnis dar. Auch wenn die kostenlosen Musikbörsen weiterhin existent bleiben werden.

Das Beispiel i-tunes von Apple zeigt der Musikindustrie überdeutlich einen Weg aus ihrer Krise. Apple greift dabei auf ein bereits mehrfach erprobtes System zurück. Um Netzwerkeffekte generieren zu können, muss möglichst schnell eine große bzw. breite Basis von Nutzern angesprochen, quasi installiert werden. Dies erreicht man in erster Linie durch eine Kostenführerschaft, was eigentlich nur bedeutet, billiger als die Konkurrenz zu sein. Schon die Mobilfunkgesellschaften und auch diverse Softwarehersteller, allen voran Microsoft, nutzten dieses ökonomische System. Der Wegfall der monatlich zu entrichtenden Grundgebühr ist ein erster, vielversprechender Schritt in die richtige Richtung. Bei den 99 Cent pro downgeloadetem Musikstück wird es sicherlich nicht bleiben. Die Preise werden weiter sinken und mit ihnen gleichzeitig die Nutzerzahlen steigen. Profitieren werden alle. Die großen Fünf werden ihren Anteil am Internetkuchen durch Tantiemen bekommen, die User werden Musik in besserer Qualität erhalten. Zudem dürften die Störversuche der Plattenindustrie, egal ob juristischer Natur oder per dem Selbstschutz dienenden präventivem Erstschlag ad acta gelegt werden.

Fraglich bleibt am Ende nur, inwieweit die Musikindustrie auf ihre Cash Cow CD verzichten kann. Die billig hergestellten Silberlinge dienten bisher dazu, unglaubliche Margen einzufahren, die dann jedoch durch den enorm gestiegenen und betriebenen Marketingaufwand erodiert wurden. Fraglich ist auch, ob der Apple-Dienst i-tunes auf die "normalen" Windows-PC-Besitzer übertragbar ist. In den ersten drei Wochen wurden zwar mehr als zwei Millionen Songs verkauft, aber bisher gibt es i-tunes nur in den USA und für Apple-Rechner. Deren Marktanteil liegt in den Staaten bei lediglich fünf Prozent. In Europa ist er noch niedriger. Erst wenn Microsoft mitspielt, könnte i-tunes ein durchschlagender Erfolg werden. Auch die Musikindustrie, die die Internettauschbörsen als ihre Totengräber betrachtet hat, denkt nun um. An i-tunes sind alle fünf großen Musiklabels beteiligt. Pro Lied bekommen die Plattenfirmen 65 Cent von Apple. Trotzdem können sie i-tunes sehr schnell den Garaus machen, wenn sie keine "offiziellen" Songs mehr zur Verfügung stellen, das Angebot also begrenzt bleibt.

Die Entwicklung der Musikindustrie könnte mit Hilfe von i-tunes revolutionär beeinflusst worden sein. In den nächsten Jahren wird sich zeigen, inwieweit die nun eingeschlagene Richtung die richtige gewesen ist. Die nötige Aufmerksamkeit wurde dem Thema schon gewidmet. U. a. brachten "Die Zeit", "Der Spiegel" und die "FTD" größere Artikel zum Thema. Steve "The David" Jobs dürfte es gefreut haben.

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